Du kommst morgens ans Becken, und über Nacht hat sich ein schleimiger, blaugrüner Teppich über den Bodengrund gelegt. Er riecht modrig, fast wie ein Teich im Spätsommer. Du saugst ihn ab — am nächsten Tag ist er wieder da, ein Stück größer.
Willkommen bei Blaualgen, oft auch Schmieralgen genannt. Und hier kommt die Information, die die meisten Ratgeber im Netz unterschlagen: Das sind gar keine Algen. Das sind Bakterien. Und weil du ein bakterielles Problem mit Algen-Taktiken angehst, scheitern die meisten Standardtipps kläglich.
Ich hab’ das selbst durch — bei einer Bekannten deren 60-Liter-Becken innerhalb einer Woche komplett zugeteppicht war. Wasserwechsel, Filterreinigung, sogar ein Algenmittel aus dem Zoohandel — nichts hat gehalten. Erst die Dunkelkur hat den Teppich endgültig beendet. Hier ist, warum das so ist, und wie du es richtig machst.
Blaualgen sind Cyanobakterien — keine Pflanzen, keine Algen
Cyanobakterien sind evolutionär uralt — mit die ersten Lebewesen überhaupt, die Photosynthese betrieben haben, lange bevor es Pflanzen gab. Sie bilden dichte Biofilme, keine Zellwände wie Algen, und vermehren sich durch simple Zellteilung statt über Sporen. Das erklärt, warum sie so explosionsartig wachsen können: Unter guten Bedingungen verdoppelt sich eine Kolonie innerhalb weniger Stunden.
Aussehen: Schleimige, blau-grüne bis fast schwarze Teppiche, die sich wie ein zusammenhängender Film über Bodengrund, Pflanzen und Hardscape legen. Du kannst sie in einem Stück abziehen — wie eine nasse Zeitungsseite.
Der Geruchstest: Wenn du dir nicht sicher bist, ob es Blaualgen oder eine harmlose Grünalge ist — riech dran. Der modrige, leicht fischig-erdige Geruch ist ein zuverlässiges Erkennungsmerkmal. Echte Algen riechen nach fast nichts.
Warum sie gerade jetzt explodieren
Blaualgen brauchen für ihre Explosion drei Zutaten gleichzeitig: eine gestörte Mikrobiologie, tote Strömungszonen und ein Ungleichgewicht zwischen Nitrat und Phosphat.
Gestörte Filterbiologie: Nach einer zu gründlichen Filterreinigung (alle Medien gleichzeitig unter fließendem Leitungswasser abgespült — bitte nie wieder) bricht die nützliche Bakterienpopulation ein. Cyanobakterien besetzen die frei gewordene Nische, bevor sich die “guten” Bakterien erholen.
Nitrat zu niedrig, Phosphat normal: Anders als bei den meisten Grünalgen begünstigt ein niedriger Nitratwert relativ zum Phosphatwert (gestörte Redfield-Ratio) speziell Cyanobakterien. Sie können im Gegensatz zu höheren Pflanzen Stickstoff direkt aus der Luft binden — ein Trick, den ihnen sonst kaum ein Organismus im Becken nachmacht.
Tote Strömungszonen: Ecken mit wenig bis keiner Wasserbewegung — hinter dichtem Hardscape, in Bodengrund-Kuhlen — sammeln organisches Material und werden zu Brutstätten. Cyanobakterien lieben Stillstand.
Empfehlung: Tunze Turbelle Nanostream 6015* — Die stille Ecke hinter deinem Hardscape ist meistens die erste Stelle, an der Blaualgen wiederkommen. Eine kleine, gezielt platzierte Strömungspumpe beseitigt genau diese Zone dauerhaft. Aktuellen Preis bei Amazon prüfen →
Preise ändern sich oft täglich — den aktuellen Preis siehst du nur im Shop.
Mehr zum Thema Strömung generell: Strömungspumpe im Aquarium — brauchst du sie wirklich?
Die Dunkelkur — der zuverlässigste Reset
Bei etablierten Blaualgen-Teppichen ist die Dunkelkur die mit Abstand effektivste Maßnahme. Sie funktioniert, weil Cyanobakterien für ihre Photosynthese Licht brauchen — ohne Licht bricht ihre Energieversorgung zusammen, während die meisten deiner Pflanzen und nützlichen Bakterien mehrere Tage Dunkelheit problemlos überstehen.
So gehst du vor:
- Vor der Kur mechanisch absaugen, so viel wie möglich vom sichtbaren Belag entfernen. Jeder Gramm, den du vorher rausholst, muss nicht erst absterben.
- Becken komplett abdunkeln — Handtücher oder Pappe über alle Seiten, auch die Deckenbeleuchtung im Raum meiden. Filter läuft weiter, Heizung läuft weiter.
- 6 bis 7 Tage konsequent dunkel halten. Nicht “mal kurz reinschauen” — jede Lichteinstrahlung verlängert den Prozess.
- Täglich einen kleinen Wasserwechsel (10–15 %), um abgestorbenes Material und freigesetzte Toxine auszutragen.
- Nach der Kur absaugen und langsam wieder ans Licht gewöhnen — erste Tage nur halbe Beleuchtungsdauer.
Bei den meisten Becken ist der Teppich nach einer Dunkelkur vollständig weg und kommt nicht wieder — vorausgesetzt, du behebst danach auch die Ursache.
Strömung und Nitrat nach der Kur stabilisieren
Die Dunkelkur beendet den akuten Befall. Damit er nicht zurückkommt, brauchst du die Ursachenkorrektur:
Strömung optimieren: Positioniere deinen Filterauslass so, dass kein Bereich im Becken komplett ruhig bleibt. Bei größeren oder verwinkelten Becken lohnt sich eine zusätzliche, kleine Strömungspumpe an der kritischen Stelle.
Nitrat im Blick behalten: Ziel liegt bei 10–20 mg/l für ein normal bepflanztes Becken. Liegt dein Wert dauerhaft unter 5 mg/l, korrigierst du mit gezielter Stickstoff-Düngung.
Fütterung reduzieren: Überfütterung liefert organisches Material, das direkt in die Cyanobakterien-Nische fließt. Weniger, dafür gezielter füttern hilft doppelt.
Wasserhygiene: Regelmäßige, moderate Wasserwechsel halten die organische Fracht niedrig — Details im Wasserwechsel-Guide.
Die häufigsten Fehler
- Nur absaugen, nicht abdunkeln. Absaugen allein bekämpft das Symptom. Die Kolonie unter der Oberfläche wächst binnen Stunden nach.
- Antibiotika einsetzen. Ja, es gibt Produkte dafür — und ja, sie funktionieren kurzfristig. Der Preis: Sie zerstören auch deine komplette nützliche Filterbiologie. Danach kämpfst du mit Ammoniak-Spitzen statt mit Blaualgen.
- Die Dunkelkur nach 2–3 Tagen abbrechen, weil “es schon besser aussieht”. Die Kolonie erholt sich sofort wieder, sobald Licht zurückkommt — konsequent durchziehen.
- Nach der Kur sofort wieder volles Licht. Langsam hochfahren, sonst provozierst du direkt den nächsten Schub.
- Ursache ignorieren. Wer nur die Dunkelkur macht, aber Strömung und Nitrat nicht anpasst, sieht die Blaualgen in wenigen Wochen wieder.
Häufige Fragen (FAQ)
Sind Blaualgen giftig für Fische?
Manche Cyanobakterien-Stämme können unter bestimmten Bedingungen Toxine produzieren. Im Süßwasser-Heimaquarium ist das selten ein akutes Problem, aber sicherheitshalber gilt: Fische bei sehr starkem, großflächigem Befall im Auge behalten und zügig handeln.
Wie schnell wirkt die Dunkelkur?
Meist siehst du nach 3–4 Tagen erste sichtbare Besserung. Trotzdem die vollen 6–7 Tage durchziehen — sonst kehrt die Kolonie aus den Resten schnell zurück.
Kann ich Blaualgen einfach jeden Tag absaugen, ohne Dunkelkur?
Bei ganz leichtem, punktuellem Befall reicht konsequentes tägliches Absaugen manchmal aus. Bei einem flächigen Teppich ist das Sisyphusarbeit — die Dunkelkur ist schneller und gründlicher.
Warum riecht mein Becken modrig, ohne dass ich Blaualgen sehe?
Manchmal beginnt der Befall unsichtbar im Bodengrund oder Filter, bevor er sichtbar wird. Filter kontrollieren, Bodengrund vorsichtig aufwühlen und prüfen, ob sich dort schon ein Belag bildet.
Helfen Fische oder Garnelen gegen Blaualgen?
Kaum. Die meisten Tiere meiden Cyanobakterien instinktiv — sie schmecken offenbar schlecht. Der Rüsselkärpfling ist eine der wenigen Ausnahmen, siehe Algenfresser-Rangliste. Verlass dich aber nicht auf Tiere als Hauptlösung.
Algenart bestimmen · Grünalgen bekämpfen · Wasserwechsel richtig machen · Strömungspumpe im Aquarium · Alle Algentypen im Überblick · Beckenvolumen berechnen
Neue Artikel, ehrliche Kaufberatung und Praxis-Tricks direkt ins Postfach — kein Spam, jederzeit abbestellbar.



