Es gibt einen Grund, warum Fische in neuen Aquarien sterben, obwohl alles richtig eingerichtet wurde. Der Bodengrund sitzt, die Pflanzen stehen, das Wasser ist klar. Und trotzdem: nach einer Woche schwimmen die ersten Fische oben.
Dahinter steckt fast immer dasselbe: Der Stickstoffkreislauf war noch nicht aufgebaut. Das ist der häufigste und teuerste Anfängerfehler in der gesamten Aquaristik — und er wäre vollständig vermeidbar, wenn man vorher versteht, was in einem Aquarium biologisch passiert.
→ Wie du dein Aquarium schritt für schritt einrichtest: Aquarium einrichten — der komplette Guide
Was der Stickstoffkreislauf ist
Jeder Fisch produziert Stoffwechselabfälle. Kot, Urin, nicht gefressenes Futter, abgestorbene Pflanzenteile — all das zersetzt sich im Wasser und bildet dabei Ammoniak (NH₃) und sein verwandtes Ion Ammonium (NH₄⁺).
Ammoniak ist für Fische ein extremes Zellgift. Schon bei 0,1 mg/l entstehen Kiemenschäden. Bei 0,3 mg/l können Fische innerhalb von Stunden sterben.
Der Stickstoffkreislauf ist der biologische Prozess, der dieses Gift neutralisiert — durch spezialisierte Bakterien, die in drei Schritten arbeiten:
Schritt 1 — Ammoniak → Nitrit
Nitrosomonas-Bakterien oxidieren Ammoniak zu Nitrit (NO₂⁻). Nitrit ist ebenfalls hochgiftig — es blockiert den Sauerstofftransport im Blut der Fische (Methämoglobinämie).
Schritt 2 — Nitrit → Nitrat
Nitrobacter-Bakterien wandeln Nitrit in Nitrat (NO₃⁻) um. Nitrat ist in moderaten Mengen (unter 50 mg/l) für die meisten Fische unbedenklich und dient gleichzeitig als Nährstoff für Wasserpflanzen.
Schritt 3 — Nitrat → Stickstoff (in der Natur)
In der Natur gibt es anaerobe Bakterien (Denitrifizierer), die Nitrat zu elementarem Stickstoff (N₂) abbauen. Im normalen Aquarienfilter findet dieser Schritt kaum statt. Nitrat muss deshalb durch regelmäßige Wasserwechsel verdünnt werden.
Das Problem: Bakterien brauchen Zeit
Wenn du ein Aquarium neu einrichtest, gibt es diese Bakterien noch nicht in ausreichender Menge. Ein paar Exemplare kommen über die Luft, über Pflanzen, über neues Wasser. Aber eine tragfähige Population aufzubauen dauert Zeit.
Ohne Fische in einem leeren Becken: 4–6 Wochen. Mit Bakterienstarter und Fremdbesiedlung: 2–4 Wochen.
Wer in dieser Zeit Fische einsetzt, hat keine Bakterien die den Ammoniak abbauen. Der Ammoniak steigt. Die Fische vergiften sich.
Der typische Verlauf der Einfahrphase
Das sind die Phasen die jedes neue Aquarium durchläuft:
| Woche | Ammoniak | Nitrit | Nitrat | Was passiert |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Steigt an | 0 | 0 | Nitrosomonas beginnen sich anzusiedeln |
| 2–3 | Bleibt hoch oder fällt | Steigt stark | 0 | Nitrit-Spitze — gefährlichste Phase |
| 3–4 | Fällt auf 0 | Fällt langsam | Steigt | Nitrobacter baut Nitrit ab |
| 5–6 | 0 | 0 | Steigt weiter | Kreislauf läuft, erste Fische möglich |
Die Nitritspitze in Woche 2–3 ist die kritische Phase. Nitrit über 0,5 mg/l ist für die meisten Fische gefährlich. Über 5 mg/l lethal. Wer in dieser Phase Fische einsetzt, verliert sie.
Wie du den Kreislauf aufbaust — ohne Fische
Ammoniak-Quelle schaffen
Die Bakterien brauchen Ammoniak zum Fressen um zu wachsen. In einem Becken ohne Fische fehlt die natürliche Ammoniak-Quelle. Du musst eine künstliche schaffen:
Option A — Fischfutter reinwerfen: Täglich ein bisschen ungefressenes Trockenfutter ins Becken geben. Es fault und produziert Ammoniak. Günstig, einfach.
Option B — Reiner Ammoniak (Salmiakgeist): Wenige Tropfen unverdünnter Ammoniak-Lösung (ohne Duftstoffe!) bringen den Ammoniakwert auf 2–4 mg/l. Damit startet der Kreislauf schneller. Braucht einen Ammoniaktest zur Dosierung.
Option C — Garnelen oder wenige sehr robuste Fische: Manche Aquarianer starten den Kreislauf mit 5–10 Neocaridina-Garnelen. Robuster als Fische, weniger Risiko.
Bakterienstarter beschleunigen
Fertige Bakterienpräparate können die Einfahrzeit deutlich verkürzen:
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Alternativ: Filtermaterial oder Bodensubstrat aus einem bereits eingefahrenen, gesunden Becken ist die biologisch effektivste Animpfung.
Testen, täglich
Ohne Tests fliegt man blind. Mindestausstattung:
- Ammoniaktest (NH₃/NH₄): Täglich in den ersten 2 Wochen
- Nitrit-Test (NO₂): Täglich ab Woche 2 bis der Wert auf 0 gefallen ist
- Nitrat-Test (NO₃): Wöchentlich zur Kontrolle
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Das Becken ist bereit wenn: Ammoniak mehrere Tage bei 0, Nitrit mehrere Tage bei 0, Nitrat steigt.
Warum der Kreislauf zusammenbrechen kann
Ein einmal aufgebauter Kreislauf ist stabiler als ein neues Becken — aber nicht unzerstörbar.
Massive Filterreinigung: Filter mit Leitungswasser spülen tötet die Bakterienpopulation. Immer nur mit Aquariumwasser auswaschen, niemals vollständig reinigen. Ein Außenfilter mit großem Filtervolumen macht das leichter — mehr Volumen bedeutet mehr Puffer beim Reinigen.
Medikamenteneinsatz: Antibiotika und viele andere Medikamente töten auch Nitrifikationsbakterien. Nach einer Behandlung unbedingt Ammoniak und Nitrit messen.
Langer Stromausfall: Ohne Pumpe kein Sauerstoff, ohne Sauerstoff sterben die aeroben Bakterien. Nach mehr als 4–6 Stunden ohne Strom: Becken vorsichtig neu einfahren.
Drastisch erhöhter Fischbesatz: Wenn du auf einmal sehr viele Fische einsetzt, produzieren sie mehr Ammoniak als die bestehende Bakterienpopulation abbaut. Langsam besetzen, in kleinen Gruppen.
Der Kreislauf und Wasserpflanzen
Bepflanzte Aquarien fahren schneller ein — weil Pflanzen Ammonium direkt aufnehmen und die Nitratbelastung dauerhaft niedrig halten. Das ist kein Ersatz für einen funktionierenden Kreislauf, aber eine echte Entlastung.
In einem stark bepflanzten High-Tech-Aquarium mit CO₂ und gutem Pflanzenwachstum kann der Nitratgehalt so niedrig bleiben, dass wöchentliche Wasserwechsel von 30–50% seltener nötig sind.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich das Aquarium überspringen und sofort Fische einsetzen?
Nein, nicht empfehlenswert. Du kannst robuste Arten (Guppys, Platys) bei sehr niedrigem Besatz und mit täglichen Wasserwechseln durch die Einfahrphase bringen — aber es ist stressig für die Tiere und führt oft zu Verlusten.
Mein Nitritwert geht nicht runter — was tun?
Die Nitritspitze kann bei langsam kolonisierenden Becken 3–4 Wochen andauern. Geduld haben. Wenn nach 6 Wochen Nitrit immer noch über 1 mg/l liegt: Ammoniak-Quelle prüfen (vielleicht zu viel?), Filter auf Sauerstoffversorgung prüfen, ggf. frisches Filtermaterial aus einem Fremdbecken zugeben.
Warum steigt mein Ammoniak manchmal nach Wochen plötzlich an?
Toter Fisch im Becken, große Futterreste, plötzlich viel höherer Besatz oder Medikamenteneinsatz der die Bakterien geschädigt hat.
Kann ich Teststreifen statt Tröpfchentests verwenden?
Für Nitrat: ausreichend. Für Ammoniak und Nitrit in der Einfahrphase: nein. Teststreifen sind bei niedrigen Werten zu ungenau. Tröpfchentests sind in dieser Phase Pflicht.
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